Blog


Kreativität ist eine Frage der Inspiraton von außen

Letztens fragte mich jemand, woher ich meine Kreativität nehme. Meine spontane Antwort lautete: Sie ist halt da, sie begegnet mir überall. Für den einen oder anderen, der das hier liest, eventuell nachvollziehbar, dass mich mein Gegenüber etwas irritiert oder besser ausgedrückt verständnislos anschaute und keine weiteren Fragen hierzu stellte. Ganz offensichtlich hatte mein Gesprächspartner das Interesse an einer Fortsetzung der Unterhaltung zu diesem Thema verloren. Vermutlich davon ausgehend, dass von einer kreativen künstlerisch veranlagten Person – wie meiner Person-  eben keine – für den „normalen“ Menschen – verständliche Antwort zu erhalten ist. Mir hingegen ließ diese Frage keine Ruhe und ich dachte darüber nach, ob meine Antwort nicht etwas zu platt gewesen war. Also fragte ich mich erst einmal: Was ist eigentlich Kreativität? Wie lautet die genaue Definition? Und natürlich bin ich schnell fündig geworden: Kreativität bezeichnet die Fähigkeit einer Person, in phantasievoller und gestaltender Weise zu denken und zu handeln. Aha. Und weiter ging es im Text: Kreativität ist die zeitnahe Lösung (Flexibilität) für ein Problem mit ungewöhnlichen, vorher nicht gedachten Mitteln (Originalität) und mehreren Möglichkeiten der Problemlösung (Ideenflüssigkeit), die für die Person vor der Problemlösung in irgendeiner Weise nicht denkbar ist (Problemsensitivität). Puh!

Klingt verwirrend, doch wenn man die Erklärung erst einmal sacken lässt, stellt man fest, dass demnach jeder Mensch kreativ ist, beziehungsweise sein kann. Oftmals wird Kreativität immer nur im Zusammenhang mit der Kunst und deren Künstler gesehen. Die meisten Menschen halten sich nicht für kreativ, obwohl ihre Kreativität im Alltag oftmals gefragt ist und von ihnen auch – wohl eher unbemerkt - eingesetzt wird. Bei Eltern zum Beispiel. Sie sind im Alltag oftmals gefordert, ein Problem (das Kind liegt schreiend auf dem Boden eines Supermarktes, weil das Objekt seiner Begierde, z.B.: ein Schokoriegel, seitens der Mutter/des Vaters nicht genehmigt wurde) zeitnah originell zu lösen? Und entfaltet man nicht auch bei der Planung des Urlaubes, der Gestaltung der Wohnung/des Gartens oder innerhalb seines Berufslebens eine Kreativität? Diese Art Kreativität hält sich in Grenzen und ist sicher nicht mit der kreativen Entfaltung bei Künstlern zu vergleichen, aber es ist eine Kreativität. Als Kinder sind wir doch alle kreativ. Wir erdenken uns Phantasiewelten, in die wir abtauchen. In unserem Spiel gibt es Gegenstände, Wesen und Orte, die es in der realen Welt nicht gibt und wir suchen nicht immer nach logischen Lösungen innerhalb unserer kindlichen Problemwelt.

Und dann kommt die Schule, die sich dann für viele Jahre damit beschäftigt, unsere Kreativität dem logischen Denken zu opfern. Wir werden darauf hin trainiert, alle Aufgaben korrekt und logisch zu lösen. Wir werden auf die Leistungsgesellschaft vorbereitet, die im Großen und Ganzen weder Raum noch Zeit für Kreativität lässt und eben nicht darauf vorbereitet, in der Leistungsgesellschaft durch Kreativität zu existieren. Und dann sind da jene Personen, die sich weder durch die Schule noch durch Druck von außen von ihrer Kreativität abbringen lassen. Die von Kindesbeinen an ihre Kreativität anders nutzen und einsetzen. Die die Phantasiewelt mit der Welt dort draußen verbinden und diese Welt da draußen immer etwas bunter und schillernder durch ihre Ideen erscheinen lassen. Als Kind bin ich natürlich auch in die Phantasiewelten der anderen Kinder mit abgetaucht, aber ich fiel schon damals mit ungewöhnlichen Ideen auf. Zum Beispiel überredete ich im zarten Alter von neun Jahren meine Spielkameraden dazu, mit mir ein Hörspiel aufzunehmen, eine Fotostory zu gestalten und für eine Schulfeier einen Gruppentanz einzustudieren (während andere Klassen Kuchen und Salate verkauften), dessen Choreographie ich natürlich übernahm. Das war auch die Zeit, in der ich meine ersten Kurzgeschichten, Gedichte und Romane schrieb. Ständig inspirierte mich die Welt da draußen, alles war so aufregend. Für mich war es damals schon wichtig, erst einmal offen an alles heranzugehen. Und wenn ich im Alltag an etwas zu scheitern drohte, zog ich mich in meine Zwischenwelt zurück und versuchte, das Ganze aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Diese Vorgehensweise hilft mir noch heute und es hat mir keiner beigebracht oder vorgemacht, auf diese Art und Weise mit der Welt und den Menschen umzugehen. Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, was ist eigentlich Kreativität, stieß ich dann unter anderem auf eine Liste: Merkmale kreativer Menschen und die dort aufgeführten Eigenschaften waren mir sehr vertraut: kulturelle Werte schätzen, Interesse an komplizierten Fragestellungen, Engagement und Leistungswille, Unabhängigkeit von Urteilen, Ausdauer, offen für neue Erfahrung, aus Denkmustern ausbrechen, gute Kommunikation, motivierend, Freiräume schaffen…

Es ist nicht immer einfach, seiner Kreativität zu folgen. Denn unsere Gesellschaft ist  dafür einfach nicht ausgerichtet. Oft muss man sich zurücknehmen, sich anpassen und dabei aufpassen, dass man sich hier nicht verliert. Dass man nicht abstumpft, dass man weiter schwingt und hierfür braucht man Freiräume im Kopf und diese Freiräume ermöglichen es mir, kreativ zu sein.

Die Antwort, die ich gab, als ich gefragt wurde, woher ich meine Kreativität nehme, war im Nachhinein betrachtet doch gar nicht so platt, wie es mir erst erschien. Denn für mich ist Kreativität eine Frage der Inspiration von außen: die Augenblicke, die Momente, die Menschen, die Gerüche, die Musik, die Sonne, der Wind, der Regen, ein Buch, eine Umarmung, ein Lächeln, ein Gefühl des Glücks, der Trauer und der Enttäuschung…irgendetwas davon ist immer da, es begegnet mir überall.

 

Claudia Lekondra

 

Die Tagebücher meines Onkels & die Gedanken über unsere Rollen im Leben

Mein vor einigen Jahren im Alter von 86 Jahren verstorbener britischer Onkel hat Tagebuch über sein tägliches Leben geführt. Seit meiner Kindheit ein so vertrautes Bild: Mein Onkel mit einem Pelikanfüllfederhalter in der einen und manchmal mit einer Zigarre in der anderen Hand. Er nahm sich täglich die Zeit, eine Seite über seinen Tag zu füllen. Ich mochte es, meinem Onkel dabei zu sehen, wie er in Gedanken versunken dort saß und schrieb. Für mich wirkte er immer so zufrieden und ausgeglichen. Ich fragte mich in den all den Jahren, was er dort so schrieb, was ihn bewegte. Wenn ich ihn fragte, antwortete er immer, dass es sicher ganz langweilig für mich sei, aber dass ich eines Tages alles lesen und selber beurteilen könne. Zu seinen Lebzeiten vererbte er mir mit dieser Aussage seine Tagebücher. Wusste er doch, dass gerade seine kleine Nichte, die schon seit ihrer Kindheit Romane und Gedichte schrieb, vielleicht genau die richtige Person sein würde, die sich eines Tages seiner Tagebücher annehme.

Und dann lagen sie vor mir. Für jedes Jahr ein Buch seit 1972 bis zu seinem Tod. Und ich nehme mir die Zeit und lese regelmäßig in seinen Büchern. Wenn sich jetzt jemand fragt, ob mir je Bedenken oder Zweifel kamen, die Tagebücher meines Onkels zu lesen, muss ich es verneinen. Ich lese mit der Genehmigung meines Onkels und jeder, der ein Tagebuch führt, muss damit rechnen, beziehungsweise nimmt in Kauf, dass seine Eintragungen eines Tages von anderen gelesen werden. Ich sehe es eher als Vermächtnis eines Zeitzeugnisses an und als wahrlich wertvolles Erbe und gehe sorgsam mit seinen Gedanken, Gefühlen, Hoffnungen und Enttäuschungen, die ich seinen Eintragungen entnehme, um, indem ich sie zum größten Teil für mich behalte. Aber ich komme auch nicht umhin, diesen Eintragungen mit gemischten Gefühlen zu folgen. Da ist zum einen dieses unglaublich schöne Gefühl, dass er durch seine Tagebücher irgendwie noch da ist. Es fühlt sich alles so lebendig an und ich bekomme – wenn man die Eintragungen der Reihe nach liest- tatsächlich ein Gefühl für seinen Alltag, für das Leben, das er geführt hat, das sich doch sehr von dem Leben unterscheidet, was ich führe. Er ist mir dann so nah, so vertraut. Es ist so interessant von einem selber dort zu lesen, von gemeinsamen Urlauben, Feiern und anderen Unternehmungen, die man miteinander geteilt hat. Vieles ist einem eben vertraut, aber da ist auch dieses andere Gefühl, das mich bei manchen seiner Eintragungen überkommt, in denen er mir so fremd ist, dass ich nicht glauben will, dass das, was dort geschrieben steht, wirklich aus den Federn meines Onkels stammt. Dass dies wirklich seine Einstellung und Meinung war. Dieses Bild, was ich dort von ihm bekomme, passt so überhaupt nicht zu dem Menschen, den ich kannte. Das irritierte mich anfänglich und ließ mich darüber nachdenken, was es eigentlich ausmacht, dass wir uns ein Bild von einem Menschen machen. Ist es nicht so, dass wir nur das wahrnehmen können, was jeder bereit ist von sich preiszugeben? Ist es nicht so, dass man mit jedem Menschen in seinem Leben unterschiedlich umgeht, weil man ihm eben in unterschiedlichen Situationen begegnet? Es ist doch eigentlich klar, dass eine Mutter einen anders wahrnimmt als ein Onkel, dass ein Partner in einem etwas anderes sieht als die Kollegen. Dass man für jeden Freund, jeden Bekannten eine andere Rolle in dessen Leben einnimmt. Ein jeder Mensch hat so viele Facetten, die von den Mitmenschen unterschiedlich wahrgenommen werden, weil wir doch alle irgendwie unterschiedliche Rollen im Zusammensein mit unseren Mitmenschen einnehmen. Ich als Nichte habe ihn als Onkel wahrgenommen, nie als Vater, als Ehemann, als Freund oder Kollegen. Also sollte ich nicht in Frage stellen, ob ich ihn wirklich richtig gekannt habe, denn wen kennt man wirklich? Im besten Falle sich selber. Und wenn man über sich nachdenkt, wird man auch feststellen, dass doch die meisten Menschen um einen herum auch nur bestimmte Facetten von einem kennen. Und nach den anfänglichen Irritationen darüber, was ich dort zum Teil lese, habe ich für mich beschlossen, dass egal, was ich auf den weiteren Seiten der noch vor mir liegenden Tagebücher lesen und erfahren werde, er immer der bleibt, der er für mich zu Lebzeiten war. Ein toller liebevoller Onkel, mit dem ich so viele schöne amüsante Augenblicke verleben durfte und der dabei immer ausgeglichen, glücklich und zufrieden wirkte. Und so war es sicher auch. Denn wenn ich mit der Familie auf ihn traf, war er ausgeglichen, glücklich und zufrieden und deshalb habe ich ihn genauso wahrgenommen: Mit sich und der Welt im Einklang. RIP und thank you, dear uncle.

 

Claudia Lekondra

 

Stress passiert nicht

Jeder, der schon mal in Italien mit dem Auto unterwegs war, weiß, dass sich die Fahrweise dort erheblich von der in Deutschland unterscheidet. Das Abbiegen oder der Spurenwechsel wird selten durch den hierzu erfundenen Blinker angezeigt. Die Hupe wird eingesetzt, um den anderen Straßenverkehrsteilnehmern anzukündigen „Hoppla ich komme!“ und nicht, wie in Deutschland: “Hallo geht´s noch, Du verhältst Dich gerade nicht richtig im Straßenverkehr, Du behinderst mich“ (wobei hier die italienische Hupvariante die deutlich sympathischere ist). Die Vorfahrtsregelung wird selten eingehalten, dafür zeichnet sich die Mehrzahl der Verkehrsteilnehmer durch flexibles vorausschauendes Fahrverhalten aus, was einem ermöglicht, zu neunzig Prozent unbeschadet eine Kreuzung zu überqueren. Bei der Nutzung der jeweiligen Spuren sollte man nicht so kleinlich sein und darauf pochen, seine Spur nur für sich zu beanspruchen, sondern es ist vielmehr angesagt, sich bei Bedarf ganz rechts in seiner Spur einzuordnen, um dem Gegenverkehr oder den Überholenden die Möglichkeit zu geben, ihre Spur etwas auszuweiten. Kurz um, man darf keinesfalls ängstlich sein, sollte über eine überdurchschnittliche Fahrpraxis und ein gutes Augenmaß verfügen, dann steht der Teilnahme am italienischen Straßenverkehr erst einmal nichts im Wege. An dieser Stelle sei natürlich auch erwähnt, dass die Fahrweise sich auch von Region zu Region unterscheidet. Die größte Herausforderung ist hier –nach meiner bisherigen Erfahrung- Kampanien!

Eine Woche waren wir täglich mit dem Auto an der Amalfiküste und der umliegenden Region um Neapel unterwegs. Die besondere Herausforderung dort: Die Straßen sind eng und kurvig und man muss nicht selten eine Straßensteigung von 15% bewältigen und das alles bei hohem Verkehrsaufkommen. Der erste Blick auf den Zustand der Autos dort lässt darauf schließen, dass auch das Augenmaß der routinierten einheimischen Autofahrer der Realität oftmals unterliegt. Man sieht selten intakte Außenspiegel und beulen- und kratzfreie Autos. Als wir dann von Mitarbeitern der Automietstation drauf hingewiesen wurden, dass Beulen erst ab einer Tiefe von 5 cm als Schaden angesehen werden, schwante uns so langsam aber sicher, auf was für ein Abenteuer wir uns da einließen. Doch nach einer Viertelstunde Autofahrt vom Flughafen Richtung Amalfiküste hatten wir uns bereits mal wieder von den uns bekannten Verkehrsregeln verabschiedet und das heimische Fahrprinzip verstanden. Wie bereits erwähnt, man sollte nicht ängstlich oder zimperlich sein, nicht unnötig bremsen, sich trotz Stoppschild vorsichtig und gekonnt in den fließenden Verkehr einordnen, nicht auf sein Vorfahrtsrecht pochen, höflich andere statt dessen vorlassen und umgekehrt mal kurz und zackig klar machen, dass man jetzt auch gern mal fahren würde. Immer darauf gefasst sein, dass die Motorroller gefühlt von allen Seiten plötzlich und unerwartet (sie kommen nicht nur von rechts links vorn und hinten, sondern gefühlt auch von oben) auftauchen. Der Vorteil ist, dass sie meist durch fröhliches Hupen auf sich aufmerksam machen, wenn sie vermuten, dass sie von einem anderen Verkehrsteilnehmer nicht wahrgenommen werden. Durch diese flüssige zügige Fahrweise kommt es selten zum Stau, sondern der Verkehr fließt, wenn auch zur Rushhour zähflüssig. Ein Stau entsteht, wenn ein Reise- oder Verkehrsbus sich an bestimmten Stellen die kurvenreiche Küsten- oder Dorfstraße entlang tastet. Man muss hier oftmals minutenlang ausharren, selber sein Fahrzeug ganz rechts an den Fahrbahnrand quetschen, alles einklappen, was sich an einem Fahrzeug einklappen lässt und warten, bis es dem Busfahrer gelingt, durch Vor-und Rückrangieren sein Ungetüm um die Kurve zu lenken. Bei all diesen Aktionen entsteht weder Unruhe, Hektik noch Stress. Alle Verkehrsteilnehmer strahlen eine Gelassenheit aus und zeichnen sich durch geschicktes Lenken ihrer Fahrzeuge aus. Diese Beobachtung ließ mich über uns und unser hektisches und oft gestresstes Verhalten nachdenken. Auch dort müssen die Leute zur Arbeit und Termine einhalten, aber lassen sich –für unsere Verhältnisse- auch in stressigen Verkehrssituationen nicht aus der Ruhe bringen. Und während ich dort so mitten drin das Treiben auf den Straßen beobachtete, kam mir der Spruch: Stress passiert nicht. Stress ist die Art, wie Du auf Dinge reagierst, in den Sinn und ich fühlte mich mitten in dem hupenden sympathischen Straßenchaos sonderbar entspannt. Vielleicht gelingt es mir ja, wenn ich beim nächsten Mal wieder Gefahr laufe, auf Dinge gestresst zu reagieren, mich an die kurvenreiche Straße Kampaniens und deren stressfreien Verkehrsteilnehmern zu erinnern, die offenbar die richtige Art haben, auf Dinge zu reagieren.

 

Claudia Lekondra

 

 

Wo endet eine offene Gesellschaft

Eine Predigt anlässlich einer Taufe hat mich dazu verleitet, mich zu fragen, ob unsere offene Gesellschaftsform in Deutschland in Gefahr ist. In der Predigt wurde von Abschottung des Einzelnen in unserer Gesellschaft gesprochen, von dem fehlenden Miteinander. Dass eine Gesellschaft beispielsweise nicht offen sei, wenn man nicht einmal den Namen seiner Nachbarn kenne. Ich glaube, dass uns in Deutschland die größtmögliche individuelle Freiheit bei größtmöglicher Sicherheit geboten wird. Wir leben in einer Zeit, in der viel über Haltung und Werte diskutiert wird. Durch die Digitalisierung erreichen uns immer mehr Informationen immer schneller und für jeden einzelnen von uns stellt sich dann die Frage, wie wir mit der Flut der Informationen umgehen, wie wir sie einzuordnen haben. Eine offene Gesellschaft transportiert täglich neue Impulse, die Veränderungen in unserem täglichen Leben mit sich bringen. Das Leben wird nicht unbedingt besser, weil einen alles schneller erreicht und sich alles um einen herum verändert und man sich ständig den Veränderungen versucht anzupassen. Nein, es verunsichert viele Menschen, es wirft Fragen auf, auf die es nicht immer Antworten zu geben scheint. Viele Menschen fühlen sich einfach nur überfordert und sie sehnen sich einen überschaubaren Lebensraum zurück, in dem es ihnen leichter fiel, einem Wertesystem zu folgen.

Ist unsere offene Gesellschaft in Gefahr, weil die Menschen aus Verunsicherungen sich mehr und mehr zurückziehen? Weil sie versuchen sich abzuschotten, indem sie ihrem unmittelbaren Umfeld, zum Beispiel ihren Nachbarn, den Kollegen und den Bekannten, nur noch oberflächig begegnen und sich mehr und mehr auf sich und ihre Sorgen und Ängste konzentrieren und nicht einmal mehr die Namen der Nachbarn kennen? Indem sie nur noch wahrnehmen, was sie unmittelbar betrifft und alles was über den Tellerrand hinausgeht wird ignoriert? Man versucht seine Welt wieder überschaubar zu machen, indem man es vermeidet, neue Einflüsse von außen zuzulassen und sperrt damit sein Umfeld aus? Laufen wir Gefahr, so aus unserer offenen Gesellschaft eine geschlossene Gesellschaft zu machen? Ich weiß nicht, ob die Pfarrerin in ihrer Predigt mit Ihrer These recht hat, dass der Anfang einer geschlossenen Gesellschaft darin zu finden ist, dass man den Namen seines Nachbarn nicht kennt, ich weiß nur, dass ich nicht so naiv bin, und mir bewusst ist, dass eine offene Gesellschaft auch Gefahren, Ängste und Nöte mit sich bringt und dass es immer Menschen geben wird, die mit den Ängsten der anderen versuchen werden ihre Art der Weltanschauungen, die überschaubare und eben nicht offene Sichtweise, zu vermitteln. Ich weiß auch nicht, wo genau eine offene Gesellschaft endet (ob wirklich beim Namen des Nachbarn), ich weiß nur, dass ich in einer offenen Gesellschaft leben möchte. An dieser Stelle möchte ich gern einen Satz zitieren, den ich letztens gelesen habe: Wer sich in einem dunklen Raum einschließt, der ist zwar vor Regen und Wind geschützt, aber zugleich abgeschieden von Luft und Licht. Ohne Luft und Licht möchte ich nicht leben und Regen und Wind, finde ich eigentlich nicht so schlimm.

 

Claudia Lekondra

 

Das Leben beginnt am Ende Deiner Komfortzone, wirklich?

Jeder von uns kennt sie, die Komfortzone. Dieses Gefühl der vermeintlichen Sicherheit, indem wir es vermeiden Neues zu wagen, Dinge in unser Leben zu lassen oder Dinge zu verändern, bei denen wir nicht wirklich einschätzen können, wie sie sich auf unser Leben auswirken. Dinge, die außerhalb unserer Komfortzone liegen, machen uns oftmals Angst, daher vermeiden wir sie. Neue Situationen bedeuten unweigerlich Veränderungen. Und da sind unsere Bequemlichkeit, Angst und Zweifel, die uns eben davon abhalten, sie zu verlassen. Aber da ist auch oftmals der Wunsch, Herausforderungen annehmen zu wollen, der Wunsch an ihnen zu wachsen und die Persönlichkeit zu entwickeln. Da stellt sich die Frage: ist es wirklich nur möglich, seine Persönlichkeit zu entwickeln, indem man die Komfortzone verlässt? Da gibt es Menschen, die ständig außerhalb ihrer Komfortzone leben. Sie lieben das Abenteuer, den Nervenkitzel und können einfach nicht verweilen. Wann hat bei denen die Veränderung der Persönlichkeit einst angefangen, dass sie ständig das Bedürfnis haben, ihre Komfortzone zu verlassen?

Ich weigere mich dem Aufruf zu folgen, dass das Verlassen der Komfortzone die einzige Möglichkeit sei, aus einem mittelmäßigen Leben ein besonderes zu machen. Ist nicht auch eine Entwicklung innerhalb der Komfortzone möglich? Eine Zeit lang lebt man zufrieden und glücklich in seiner Komfortzone und dann ist er auf einmal da, der Wunsch nach Veränderungen. Oftmals ist einem nicht gleich klar, in welche Richtung man die Komfortzone verlassen möchte. Da sind doch eigentlich die Gewohnheiten, die Rituale und die Routine, die uns doch so wichtig sind und dennoch ist da dieses Bedürfnis nach Veränderung. Die Frage ist: Wie entsteht dieser Wunsch, wenn es doch angeblich nicht möglich sein soll, sich innerhalb seiner Komfortzone zu verändern? Ist es nicht eher so, dass man sich fast unbemerkt Schritt für Schritt aus seiner Komfortzone bewegt, weil man auf einmal Ziele hat, die außerhalb liegen? Ist es nicht ein klares Indiz dafür, dass man sich weiter entwickelt und verändert hat und somit also ein Leben innerhalb der Komfortzone sehr wohl stattfindet? Die Zeit muss einfach reif sein und bis dahin sind es die kleinen Dinge in unserem Alltag, von denen wir lernen, an denen wir wachsen. Wichtig ist, dass wir uns keinen Druck machen, dass wir uns nicht eben von denen verunsichern lassen, die aufgrund ihrer Persönlichkeit ständig ihre Komfortzone verlassen, sondern wir dazu stehen, wenn wir uns gerade wohl fühlen, so wie wir leben. Eben mit der Bequemlichkeit, den Gewohnheiten und Ritualen. Solange wir sie als Wohlfühlzone empfinden, ist doch alles gut wie es ist. Wir müssen einfach nur aufmerksam mit uns umgehen, damit wir den Moment nicht verpassen, wenn die Zeit reif ist, unsere Komfortzone zu verlassen.

Sie nicht zu verlassen, wenn die Zeit reif ist, könnte ansonsten vielleicht tatsächlich bedeuten, dass das Leben erst am Ende Deiner Komfortzone beginnt.

 

Claudia Lekondra

 

Dankbarkeit, das Gegenmittel für negative Gefühle

Schon einmal über die Dankbarkeit nachgedacht? Unabhängig davon, was und wem wir dankbar sind, sei es einem anderen Menschen oder dem Schicksal an sich, ist die Wirkung positiv. Dankbarkeit ist ein Gegenmittel für negative Gefühle wie Ärger, Neid, Groll und Sorge.
Ich habe letztens eine Studie zum Thema Dankbarkeit gelesen. Darin heißt es, dass dankbare Menschen glücklicher, optimistischer, hilfsbereiter und einfühlsamer sind. Natürlich stellt sich die Frage, ob Dankbarkeit dabei die Ursache ist oder einfach eine weitere Wirkung? In einem wissenschaftlichen Experiment wurden Teilnehmer in zwei Gruppen eingeteilt. Einige Wochen lang sollte die eine Gruppe jeden Abend fünf Dinge aufschreiben, für die sie dankbar waren. Die andere Gruppe sollte jeden Abend fünf Dinge notieren, über die sie sich geärgert hatten. Ihr ahnt das Ergebnis sicher schon: Die Teilnehmer der ersten Gruppe, also die, die jeden Abend sich über die Dankbarkeit Gedanken machten, waren optimistischer und zufriedener mit sich und ihrem Leben. Sie nahmen sich als gesünder wahr und trieben mehr Sport. Das Experiment ergab also, dass das Gefühl der Dankbarkeit also wesentlich zum Wohlbefinden und zur Gesundheit beiträgt. Wer also dankbar ist, kann positive Erfahrungen mehr genießen und erlebt weniger negative Gefühle.
Bevor man sich mal wieder über alltägliche Dinge ärgert und sich Gedanken darüber macht, was alles Negatives auf dieser Welt geschieht und noch geschehen könnte, sollte man die Idee des Experiments übernehmen und sich abends immer fünf Dinge notieren, für die man an diesem Tag dankbar war oder sich einfach generell mal hinsetzen und aufschreiben, worüber man grundsätzlich dankbar ist, so jeden Tag aufs Neue… also sozusagen die Dankbarkeit als Schlüssel zum persönlichen Glück leben.

Claudia Lekondra

 

Der Moment, in dem eine Geschichte entsteht…

Nachdem ich entspannt in das neue Jahr gestartet bin, habe ich die ersten Wochen des Jahres damit verbracht, mich zu entscheiden, welche der zwei Geschichten, die so in meinem Kopf herumschwirrten, nun mein neuer Roman werden soll. Da bestünde natürlich die Möglichkeit, zwei Romane gleichzeitig zu schreiben. Es soll Kollegen geben, die beherrschen diese Vorgehensweise perfekt. Da muss ich passen. Kann ich nicht. Ich muss mich auf eine Geschichte und deren Figuren konzentrieren. In dieser Hinsicht bin ich sogar nicht multitaskingfähig. Am Anfang steht immer ein Thema, über das ich schreiben möchte und zu diesem Thema gehört immer etwas, was ich vermitteln möchte: Ein Gefühl, eine Sichtweise. Ich tauche ab in die Geschichte, entwickle die Figuren in meinem Roman und deren Charaktere. Sie werden mir nach und nach vertraut. Während ich mich mit ihren Gedanken, Gefühlen, Entscheidungen und Beobachtungen auseinandersetze, bin ich oft erstaunt, wohin mich die Geschichten führen und das gelingt mir nur, wenn ich mich auf eine Geschichte konzentriere. Ich bin mitunter selber überrascht, welche Wendungen meine Sichtweisen mitunter nehmen, wenn ich meine Figuren zum Leben erwecke und mal schaue, wie sie auf was reagieren und genau das macht für mich das Schreiben so spannend, ich kann vorübergehend jemand anders sein. Es ist mir auch schon passiert (so war es zum Beispiel bei „Weder Himmel noch Hölle“), dass sich die Geschichte in eine ganz andere Richtung entwickelte, so dass aus einem angedachten humorvollen Roman, der den Alltag eines Anwaltsbüros wiedergeben sollte, doch weitaus mehr wurde. Das Anwaltsbüro war irgendwann nur noch der Schauplatz, und es wurde eine ganz andere Geschichte erzählt, als ich zunächst wollte.

Nach Vollendung dieses vierten Romans hatte ich mir eine Schaffenspause gegönnt. Dann verspürte ich den Wunsch, mein erstes Werk „Und nichts die Stunde uns wiederbringen kann“ zu überarbeiten und mit diesem Projekt hatte ich mich dann bis letztes Jahr beschäftigt. Und nun war also der Moment gekommen, mich vor den Computer zu setzen und meinen fünften Roman zu beginnen. Der Cursor blinkte fröhlich auf dem Bildschirm und ich dachte: So, nun werden deine Finger dir doch den Weg weisen und los schreiben und dir zeigen, welche Geschichte es denn nun wird. Taten sie aber nicht. Ich beobachtete den blinkenden Cursor und meine Finger taten nichts. Die blockierten und ich fragte mich, ob das mit der Schaffenspause (bezogen auf den fünften Roman, es war ja nicht so, dass ich in der „ Pause“ nicht nichts geschrieben habe) doch keine so gute Idee gewesen war. Aber hatte ich mir nicht immer vorgenommen, mich von meinem Gefühl, von meiner Eingebung leiten zu lassen? Und die sagte damals nach dem vierten Roman ganz klar: Pause!  Vielleicht war das falsch. Vielleicht unterbricht man damit seinen Schreibfluss. So blinkte der Cursor weiter und meine Hände taten nichts. Und dann stand ich letzten Freitag in der Küche und bereitete für Freunde ein Vier-Gänge-Menü vor. Während meine Hände in den Kochtöpfen rührten und im Hintergrund Musik spielte, formte sich in meinem Kopf der Anfang einer Geschichte und auf einmal war mir klar, das ist sie! Ja, ich weiß, ein denkbar ungünstiger Augenblick, mang den Kochtöpfen und unter leichtem Zeitdruck. Bei allem Verständnis, das meine Gäste sicher für Kreativität grundsätzlich aufbringen, hätte das Verständnis genau dann ein jähes Ende gefunden, wenn ich den ersten und zweiten Gang durch mehrere Aperitifs ersetzt hätte. So blieb mir nur ein Notizblock, der auf der Arbeitsplatte zwischen Herd und Spüle platziert wurde und ich hielt nebenher stichpunktartig meine Gedankenansätze fest. In dieser Sache bewies ich dann doch die Fähigkeit zum Multitasking, denn das vier Gänge Menu war pünktlich fertig, und ich empfing meine Gäste entspannt und von meinen Gedankenergüssen beseelt, bestens gelaunt und stellte fest, dass mir das Kochen zuvor noch nie so einen Spaß gemacht hatte, wie an diesem Tag.

Einen Tag später setzte ich mich an den Computer und schrieb los und der Cursor kam gar nicht mehr zum Blinken. Und nun lasse ich mich treiben, von der Idee und bin schon ganz gespannt, wem ich alles in meiner neuen Geschichte so begegne und wie sie wohl enden wird. Ob ich nach circa 200 Seiten (mehr habe ich mir für dieses Mal nicht vorgenommen, das überarbeitete Werk umfasst über 600 !!!!! Seiten) wieder erstaunt feststelle, dass alles so ganz anders kam? An dieser Stelle möchte ich gern Roland Barthes zitieren: Das Schreiben, als Prozess verstehen, in dem sich der Schreibende auflöst, Teil des Textes wird. Genau so fühlt es sich für mich an.

 

Claudia Lekondra

 

 

Die Sache mit den guten Vorsätzen…

Das war es also, das Jahr 2016. Wieder hat man ein Jahr hinter sich gelassen und schaut mit freudiger Erwartung und der eine oder andere sicherlich auch mit Skepsis auf das bevorstehende Jahr 2017. War man gerade noch in vorweihnachtlicher Stimmung mit dem Besorgen von Geschenken und mit Weihnachtsfeiern beschäftigt, fand man sich schon mit Freunden und Familie unter dem Weihnachtsbaum ein, um dann noch die letzten Planungen, Vorbereitungen und Entscheidungen bezüglich der bevorstehenden Silvesternacht (wie feiert man, mit wem und wo und ob überhaupt?) zu treffen, um dann am Morgen des 1. Januars  –der eine oder andere hier leicht verkatert – dem neuen Jahr entgegen zu blinzeln, noch nicht wirklich bereit, sich im Hier und Jetzt einzufinden.

Da kommt dann wieder die Feststellung, das Jahr sei ja mal wieder so schnell vergangen (was nicht stimmt, siehe hierzu meinen Blog vom Januar letzten Jahres: wir haben nur drei Sekunden für die Gegenwart) und da wären ja auch noch die guten Vorsätze für das neue Jahr! Hier handelt es sich meist um Themen wie: ich höre auf zu rauchen, ich tue mehr für meine Gesundheit, bewege mich mehr und ernähre mich gesünder, ich arbeite weniger und nehme mir mehr Zeit für Freunde und Familie. Mit Gedanken wie: Ich bin unglücklich im Job, in der Beziehung und/oder mit den darüber hinausgehenden Lebensumständen befasst man sich hingegen in diesem Zusammenhang selten, erscheinen diese Themen doch von vornherein zu komplex, und man will ja schließlich nicht gleich am 1. Januar für eine depressive Stimmungslage sorgen. Da scheinen doch die anderen Vorsätze, eben das Rauchen aufzugeben, sich mehr zu bewegen etc. umsetzbar… und schon flüstert der Schweinehund in uns süffisant: Den Vorsätzen, den guten alten, denen bleiben wir stets treu, wir wollen sie gerne behalten, sie sind ja noch wie neu! Und wir müssen uns eingestehen, dass der Schweinehund so recht hat.

Die Vorsätze für dieses Jahr ähneln den Vorsätzen vom letzten Jahr verdächtig. Woran liegt es, dass man mit seinen Vorsätzen meist so kläglich scheitert? Liegt es daran, dass die Vorsätze nicht wirklich mit uns etwas zu tun haben? Liegt es daran, dass ein Vorsatz kein Ziel, sondern ein Vorhaben ist? Also frei nach Goethe: Es nicht genug zu wollen, man muss auch tun? Wir wollen eben nicht aufhören zu rauchen, weil wir uns doch gerade mit der Zigarette in der Hand so wohl und entspannt fühlen. Mehr Bewegung, eigentlich konnten wir uns noch nie für sportliche Betätigungen begeistern und lieben unsere Bequemlichkeit. Mehr Zeit für Familie und Freunde würde bedeuten, die Zeitressourcen neu zu überdenken, um diese Dinge im Alltag anders unterzubringen. Aber fühlen wir uns nicht eigentlich so ganz wohl, wie es gerade ist? Vielleicht verfügen wir ja weder über genug Selbstdisziplin noch über Ausdauer für diese Vorsätze, noch wollen wir vielleicht deren Notwendigkeit erkennen (es reicht doch, wenn ich einen Tag am Wochenende mit der Familie verbringe und die Freunde dreimal im Jahr sehe). Ich für meinen Teil bin froh, dass ich zu der Spezies unter uns gehöre, die noch nie mit den sogenannten Vorsätzen in ein neues Jahr gestartet sind. Frei nach dem Motto, ich habe den Vorsatz keine Vorsätze für ein neues Jahr zu fassen, sondern starte entspannt und neugierig in das neue Jahr. Um es mit Henry Fords Worten auszudrücken: Es hängt von dir selbst ab, ob du das neue Jahr als Bremse oder als Motor benutzen willst: In diesem Sinne: Happy 2017!

 

Claudia Lekondra

 

 

Weniger müssen, dafür ganz viel wollen

Ist Euch eigentlich schon mal aufgefallen, wie oft wir das Wort „muss“ in unserem alltäglichen Sprachgebrauch einsetzen? Und wie oft das „Muss“ kein wirkliches „Müssen“ ist? Damit es einem auffällt, setzt es erst einmal voraus, dass wir uns selber und den anderen wirklich zuhören und eben nicht über solche Art Formulierung hinweg sprechen beziehungsweise hinweg hören.

Als ich mir so zuhörte, war ich entsetzt, wie oft ich das Wort einsetzte und somit oftmals aus einem „Wollen, Dürfen, Möchte“ ein „Müssen“ beziehungsweise aus einem Plan oder Idee ein „Muss" wurde.: „Ich muss mal sehen, ob ich noch vorbei kommen kann. (nein, ich werde mal sehen ob und nicht ich muss). Aber ebenso erschreckend war, wie oft man dieses „Muss“, als Füllwort benutzt, so, als stehe die Satzaussage anderenfalls nicht:

„Ich muss mein Kind von der Schule abholen", nein: "Ich hole mein Kind von der Schule ab.“ Sicher gibt es Dinge, die man muss: essen, trinken, atmen, sterben… aber ansonsten? Was müssen wir schon?

Ich muss, klingt immer nach Druck, nach Stress, nach Jammern. Und selbst wenn es sich um Dinge handelt, die man persönlich als „Muss" empfindet, fühlen sich diese – meist selbst auferlegten – Verpflichtungen ohne „muss“ nicht ganz so schlimm an. Durch die Vermeidung des Wortes „muss“ nimmt man sich den Druck und wenn man sich den Druck nimmt, fühlt man sich freier und wenn man sich freier fühlt, holt man sich die Lebensqualität zurück.

In diesem Sinne wünsche ich allen eine entspannte Adventszeit, mit weniger „Müssen“ und ganz viel „Wollen, Möchten, Dürfen“.

 

Claudia Lekondra

 

 

 

Wenn jemand eine Reise tut...

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Bei diesem Satz denkt man unmittelbar an eine Reise in andere Länder, andere Kontinente oder hat wenigstens vor Augen, dass die heimatliche Umgebung verlassen wird. Glaubte ich auch, bis zu jenem Samstag im Oktober, als ich mit Freunden beschloss, unsere leuchtende Heimatstadt Berlin zum Festival oft Lights zu bewundern. Mutig erklärte ich meinen Begleitern, dass man an diesem Abend doch die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt nutzen sollte. Mein Vorschlag stieß bei den eingefleischten Autofahrern nicht auf sonderliche Begeisterung, aber immerhin gelang es mir, sie mit gutem Zureden davon zu überzeugen, nicht auch zu dem Personenkreis zu gehören, der durch die Nutzung des eigenen Pkws die Innenstadt verstopft.

Bei mehr oder weniger milden Temperaturen, bestens gelaunt und in freudiger Erwartung auf die leuchtende Stadt, versuchten wir nun vom Savignyplatz aus zum Alexanderplatz zu gelangen. Eine Strecke mit der S-Bahn, die unter normalen Umständen fünfzehn Minuten ausmacht. Unser Vorhaben scheiterte zunächst am Schienenersatzverkehr zwischen dem S-Bahnhof Charlottenburg und dem S-Bahnhof Friedrichstraße. Am Bahnsteig wies ein Schild mit einem Pfeil (der einen nicht wirklich Aufschluss darüber gab, wohin man sich nun genau zu bewegen hatte) darauf hin, wo man die Haltestelle des Schienenversatzverkehrs finden würde. Gott sei Dank waren wir hier nicht völlig ortsunkundig, so dass wir mit dem Hinweis, die Haltestelle des Schienenersatzverkehrs befinde sich dort, wo sich die Haltestelle des M45 befand, etwas anfangen konnten. Immer noch motiviert und gut gelaunt erreichten wir die Ersatzhaltestelle und stießen dort auf eine Menschentraube, die uns die Überlegung anstellen ließ, ob man überhaupt mit dem nächsten Bus mitkommen würde.

Die Nähe des Bahnhofs Zoo verleitete uns dazu, davon auszugehen, dass man die dort verkehrenden Busse der Linien 200 und 100, die die City West mit der City Ost verbinden, doch sicher im Hinblick auf das Event und dem Umstand, dass ein Schienenersatzverkehr auch für den Bahnhof Zoo galt, in kürzeren Abständen einsetzte und man durch die Möglichkeit, beide Busse nutzen zu können, schneller an sein Ziel gelangen würde. Diese Überlegung kann man gut und gerne als fatale Fehleinschätzung unsererseits bezeichnen. Wir erreichten den Bahnhof Zoo nach einem Fußweg von ungefähr zehn Minuten, um dann dort festzustellen, dass der Umfang der dortigen Menschentraube die vom Savignyplatz locker in den Schatten stellte. Die elektronische Anzeigetafel zu den jeweiligen Buslinien wies darauf hin, dass aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens in der Innenstadt der Busverkehr auf diesen Linien unregelmäßig sei.

Leicht frustriert, aber dennoch immer gut gelaunt, entschieden wir uns nun, es doch mit dem Schienenersatzverkehr zu versuchen. Leichter gesagt, als getan. Wir liefen die Haltestellen am Bahnhof Zoo ab und entdeckten dort auch eine Haltestelle des Schienenersatzverkehrs, mussten jedoch bei näheren Begutachtung des Fahrplanes (man hatte hier darauf verzichtet, klar von weitem sichtbar zu kennzeichnen, um welchen Schienenersatzverkehrs es sich handelte und in welche Richtung dieser von dort aus bedient wurde) feststellen, dass es offensichtlich mehrere Strecken in der Stadt gab, die von einem Schienenersatzverkehr betroffen waren.

Nachdem wir ergebnislos zwischen den Haltestellen nach unserer Abfahrtstelle für den Schienenersatzverkehr Richtung Friedrichstraße suchten und auch keine sonstigen Schilder uns den Weg wiesen, liefen wir in unserer langsam aufkommenden Verzweiflung (zu diesem Zeitpunkt waren wir bereits fünfundvierzig Minuten nur damit beschäftigt loszufahren) zum Bahnsteig Bahnhof Zoo und fanden dort tatsächlich einen Hinweis (allerdings ähnlich wie am S-Bahnhof Savignyplatz war auch hier die Auskunft sehr vage, und auch in  diesem Fall nur halbwegs Ortskundigen eine Hilfe).

Wir postierten uns dann –zwar leicht frustriert, die ersten schlugen auch bereits vor, das Vorhaben abzubrechen, und es sich statt dessen in einer Bar mit einem Drink bequem zu machen – an der Ersatzhaltestelle und schafften es auch, uns mit den anderen Fahrgästen in den völlig überfüllten Bus zu quetschen. Einer von uns hielt tapfer die erworbene Fahrkarte in der Hand und suchte nun im Bus nach der Möglichkeit, diese zu entwerten. Vergeblich. Auf Nachfrage beim nicht unfreundlichen, aber auch nicht sonderlich freundlichen (halt irgendetwas dazwischen) Busfahrer erhielt man die Auskunft:“Gibt’s nicht. Stecken Sie das Ding weg.“ Und schon ging es los- endlich - Richtung Friedrichstraße. Die Fahrt an sich verlief zügig und kaum, dass der Bus an der Endstation des Schienenerzsatzverkehrs an der Friedrichstaße stoppte, wurde bereits die Innenbeleuchtung ausgeschaltet, so dass wir alle versuchten, beim Verlassen des dunklen Innenraumes im Bus möglichst nicht zu verunfallen. Von dort legten wir den Rest des Weges zum Alexanderplatz zu Fuß zurück.

Mit einer Verspätung von 1 ½ Stunden starteten wir dann mit dem Festival of Lights, zwar in einer verkürzten Fassung, da uns bereits kostbare Zeit verloren gegangen war, aber immer noch bestens gelaunt, weil solche Kleinigkeiten wie, man benötigt statt fünfzehn Minuten über eine Stunde, um an das begehrte Ziel zu gelangen, uns nicht wirklich nachhaltig verstimmen konnten.

Aber wie sollte es anders sein: Auf den öffentlichen Nahverkehr war natürlich Verlass, die Gunst der Stunde zu  nutzen und den eingefleischten Autofahrern dieser Stadt klar vor Augen zu führen, warum sie nie auf Ihr Auto verzichten würden.

Vom Potsdamer Platz starteten wir zwei Stunden später unseren Rückweg. Hier standen uns insgesamt drei Busse für die Rückfahrt zur Verfügung. Also theoretisch. In der Praxis natürlich nicht. Zunächst gab die elektronische Anzeigetafel wieder darüber Auskunft, dass der Busverkehr im Hinblick auf das hohe Verkehrsaufkommen unregelmäßig sei, wobei diese Auskunft sehr wohlwollend formuliert war. Zwanzig Minuten tauchte kein Bus auf. Lediglich die Anzeigentafel blinkte von Zeit zu Zeit fröhlich vor sich hin und kündigte an, dass jetzt einer der begehrten Busse eintreffen würde, um dann vom Aufblinken wieder auf: Der nächste Bus kommt in zehn Minuten umzuschalten, ohne, dass wir einen Bus zu Gesicht bekamen.

Als dann endlich der erste Bus auftauchte, war dieser derartig überfüllt, dass er keine Fahrgäste an der Station mehr aufnahm. Der nächste nahm Fahrgäste auf, aber nicht uns. Vor unserer Nase wurde die Tür wegen Überfüllung geschlossen. Beim dritten Bus, der zwar einen Umweg für uns bedeutete, hatten wir Glück und schafften es, uns in den völlig überfüllten Bus zu quetschen. Es war schon ein tolles Gefühl, dass man nun zu den Privilegierten gehörte, die einen Stehplatz im völlig überfüllten Bus ergattern konnten, während man an den vielen Haltestellen vorbeifuhr, an denen andere Fahrgäste sehnsüchtig den nicht haltenden völlig überfüllten Bus hinterher schauten und nun auf einen anderen hoffen mussten.

An der nächsten Umsteigemöglichkeit verließen wir den Bus und konnten unsere Freude kaum verbergen, als die Anzeigetafel dort das Eintreffen unseres Busses ankündigte, der nun unsere Fahrt Nachhause fortsetzen sollte. Ja, ich sehe schon, wie ihr jetzt alle ein sehr müdes Lächeln für uns übrig habt und Euch denkt, bei alle dem, was sie an diesem Abend erlebten, waren die wirklich so naiv und glaubten, dass auch ein Bus käme, wenn es blinkt? Ja, ich stehe dazu, waren wir. Immerhin hatten wir den Innenstadtbereich verlassen und man durfte doch nun davon ausgehen, dass nicht sämtliche Busse in Berlin an diesem Abend ihren Fahrplan nicht einhielten. Es kam natürlich kein Bus, als es blinkte und wir standen in einer nicht gerade schönen und eher unsicheren Gegend unserer Stadt eine halbe Stunde auf der Straße und warteten. Allerdings wurden wir mit Polizeieinsätzen inklusiver intensiven Fahrzeugkontrollen (deren Insassen schossen dann noch Selfies von sich und dem Polizeieinsatz im Hintergrund) bestens unterhalten.

Als dann der Bus endlich kam, schaffte er es nicht, an unserer weiteren Anschlusshaltestelle rechtzeitig einzutreffen, damit wir den letzten Bus erreichen konnten. Aber wir wollten immer noch nicht die Stimmung kippen lassen, obwohl wir zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Stunden damit beschäftigt waren, Nachhause zu gelangen und steuerten auf den nahe gelegenen Taxistand zu, um, ist schon klar oder? Ja, richtig: Festzustellen, dass dort keine einzige Taxe stand. Zwei der dann eintreffenden Taxen wurden uns direkt vor der Nase weggeschnappt, obwohl kaum Passanten auf der Straße waren (aber die, die unterwegs waren wollten halt Taxe fahren). Nach einer gefühlten Ewigkeit, ich habe mich im Geiste bereits Nachhause laufen sehen, kam eine weitere Taxe, die wir uns nicht wegschnappen ließen…

Nun sagt mal nicht, man hat nichts zu erzählen, wenn man sich entscheidet, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Meine Begleiter an diesem Abend sind sich jedoch einig, dass sie auf diese Art Reisen verzichten können und lieber wenn, richtig verreisen (in 2 ½ Stunden schafft man es ja zum Beispiel immerhin nach Spanien oder Italien–allerdings mit dem Flugzeug). Ich muss an dieser Stelle auch nicht erwähnen, dass sie freiwillig nicht mehr auf ihr Auto verzichten werden und die öffentlichen Verkehrsmittel stattdessen meiden.
Also denkt immer an die Geschichte, wenn ihr alle mal wieder im Stau steht, weil gefühlt, die ganze Stadt im Auto unterwegs ist…denn genau so ist es.

 

Claudia Lekondra

 

Urlaub, die schönsten Tage im Jahr!

Ihre schönsten Tage im Jahr, damit werben Reiseveranstalter sowie Reiseportale im Netz und schüren mit dieser Aussage eine Erwartungshaltung, die dem einen oder anderen sicher schon die eine oder andere Enttäuschung beschert hat. Kein Wunder; die schönsten Tage im Jahr!? Mit dieser Aussage lehnt man sich schon weit aus dem Fenster, wie man so schön zu sagen pflegt.

Sicher, optimal, wenn die Tage des Urlaubes mit zu den schönsten Tagen im Jahr gehören, aber erwarte ich oder will ich, dass es die Schönsten des Jahres sind?

Das Jahr besteht in der Regel aus 365 Tagen, sprich aus 52 Wochen. In unserem Land machen die Leute durchschnittlich sechs Wochen Urlaub im Jahr. Gehen wir von 52 Wochen im Jahr aus, würde das bedeuten, dass 46 Wochen und somit 322 Tage keine Chance haben, die schönsten Tage im Jahr zu werden?!

Also ich gebe allen Tagen des Jahres die Chance, einer der Schönsten des Jahres zu werden. Da habe ich nun meinerseits eine gewisse Erwartungshaltung. Die Erwartung, dass sich die schönsten Tage des Jahres über das Jahr verteilen und auch im besten Falle mehr als sechs Wochen ausmachen. Würde es doch auch im Umkehrschluss bedeuten, dass die  Leute, die keinen Urlaub machen und ein Jahr durcharbeiten (ob nun freiwillig oder gezwungenermaßen), gar nicht erst die Chance haben, die schönsten Tage zu erleben?

Und wie verhält es sich damit, dass Urlaub einen manchmal vor unerwartete Herausforderungen stellt und somit von den schönsten Tagen des Jahres nicht mehr die Rede ist, sondern vielmehr davon, wie übersteht man den Urlaub? Wenn man auf einmal feststellt, dass, wenn man täglich 24 Stunden miteinander verbringt, sich nicht mehr wirklich etwas zu sagen hat? Wenn man im Urlaub erfahren muss, dass man sich auseinander gelebt hat und der andere einem fremd geworden ist. Entwicklungen der Kinder im Alltag an einem vorbei gerauscht sind und sie einem teilweise merkwürdig entrückt erscheinen?

Aber natürlich geht es auch anders. Man ist 24 Stunden glücklich, seine Lieben nun ständig um sich zu wissen und wünschte, dass es immer so weiter ginge (naja immer ist dann jetzt doch etwas dick aufgetragen. Sagen wir, halt in den Wochen des Urlaubes.)

Wenn man zum einen seine Erwartungshaltung zurückschraubt, sich zum anderen mit dem Gedanken anfreundet, dass so ein Urlaub auch eine wahre Herausforderung für das Miteinander werden kann und man auch - wenn es im Urlaub nicht alles so perfekt läuft - gewillt ist, das Beste aus dem Urlaub zu machen, hat man gute Chancen, dass es jedenfalls nicht die schlimmsten Tage des Jahres werden.

In diesem Sinne, all denen, die ihn noch vor sich haben: Einen gelungenen Urlaub!

 

Claudia Lekondra

 

Ein schöner Moment,  ein kleines Mädchen und eine S-Bahnfahrt...

Letztens fuhr ich mal wieder S-Bahn. Ganz gegen meine Gewohnheit hatte ich an diesem Tag während der Fahrt weder ein Buch zur Hand, noch Musik im Ohr. Ich suchte mir einen Sitzplatz in einer der langen vor den Fenstern befindlichen durchgehenden Sitzbänke, so dass ich meine Zeit damit vertreiben konnte, die mir auf ebenso einer länglichen durchgehenden Bank gegenübersitzenden Fahrgäste zu beobachten. Dort saßen mehrere junge Männer im Alter zwischen Mitte zwanzig und Ende dreißig und eine ältere Dame. Während die ältere Dame freundlich in der Gegend umherschaute, waren die Herren alle mit Ihren Mobiltelefonen beschäftigt und schauten, wenn überhaupt, nur kurz auf, um, so hatte es den Anschein, zu orten, an welcher Station sie sich befanden. Neben mir bot sich das gleiche Bild; allerdings befanden sich auf meiner Seite auch weibliche Wesen, die sich mit ihren Mobiltelefonen beschäftigten.

An einer der nächsten Stationen stiegen ein Junge und ein kleines Mädchen hinzu. Das kleine Mädchen ergatterte fröhlich den letzten freien Sitzplatz zu meiner Linken und strahlte ihren Begleiter (bei dem es sich aufgrund der äußerlichen Ähnlichkeit durchaus um ihren Bruder handeln durfte) an. Wir waren nun sozusagen Sitznachbarn. Ich musterte meine neue Sitznachbarin. Sie war ungefähr vier Jahre alt, hatte schwarzes lockiges kinnlanges Haar. Sie saß auf der Sitzbank und ihre Füße baumelten in der Luft. Ihre Kleidung sah danach aus, dass sie einem Waschmaschinengang nicht abgeneigt gewesen wären und ihre Füße steckten in Badelatschen, die schon bessere Tage gesehen hatten. Auch die kleinen Füße hätten sich sicher über ein schönes Fußbad mit anschließender Pediküre gefreut.

Während ich das Mädchen amüsiert musterte, trafen sich unsere Blicke und sie schaute mich neugierig, aber freundlich mit ihren großen dunklen Augen an. Danach wanderte ihr Blick zu ihrem vermeintlichen Bruder, der an der Tür stehen geblieben war und zu ihr hinüber lächelte. Die ältere Dame schaute freundlich meine neue Sitznachbarin an, ansonsten hatte sich bezüglich der Handyaktivitäten auf der gegenüberliegenden Seite nichts verändert.

Nach einer Weile begann das kleine Mädchen leise und zaghaft vor sich hin zu singen. Es war so leise, dass ich mir zunächst nicht sicher war, ob es Einbildung war oder ich tatsächlich eine Mädchenstimme hörte. Ich schaute sie von der Seite an und sie wandte sich mir zu und erwiderte meinen Blick, wobei ich das Gefühl hatte, dass ihr zaghafter Gesang unter meinem Blick noch zaghafter wurde. Daraufhin lächelte ich sie aufmunternd an. Zögerlich erwiderte sie mein Lächeln und setzte ihren Gesang nun etwas lauter fort. Als ich sie weiterhin aufmunternd anlächelte, fasste sie ihren Mut zusammen und sang noch lauter. Sie sang in einer Sprache, die mir fremd war und ihre Stimme war dünn aber melodisch. Unter meinem Lächeln begann sie dann ebenfalls zaghaft im Takt zu klatschen und als die ältere Dame auf der gegenüberliegenden Seite sie ebenfalls anlächelte, wurde sie noch mutiger und ihr Gesang und das Klatschen noch lauter. Von den Herren auf der gegenüberliegenden Bank sah einer nach dem anderen erst kurz, ja fast irritiert suchend, von ihren Handys auf, um den Ursprung der singenden Geräuschkulisse auszumachen. Als der Ursprung des Gesanges ausgemacht war, widmeten sie sich dann alle wieder ihren Handys, um dann nach ein paar Sekunden erneut hochzuschauen. Nach und nach wurde die Kleine von den Herren von der anderen Seite mit ernster und mehr oder weniger ausdrucksloser Miene gemustert, was sie zunächst irritierte, so dass ihr Gesang und ihr Klatschen wieder zaghafter wurden.

Ihr Blick wanderte dann zunächst zu ihrem Bruder und dann zu mir. Wir lächelten ihr weiterhin aufmuntert zu, so dass ihr Gesang und ihr Klatschen an Lautstärke wieder zunahmen. Es dauerte noch eine S-Bahnstation, dann ließ ein Fahrgast nach dem anderen von seinem Handy ab und alle (auch die Fahrgäste auf meiner Seite) schauten lächelnd zu dem fröhlichen singenden und klatschenden Mädchen. Die Fahrgäste tauschten sogar untereinander amüsierte Blicke aus und lächelten sich dabei an.

Es war ein schöner Moment zu beobachten, wie die Mitmenschen sich offensichtlich nun alle wahrnahmen und davon abließen, sich mit sich und ihren Handys zu beschäftigen und ich hatte fast den Eindruck, dass sie –wenn ihnen der Text und die Melodie des Liedes bekannt gewesen wären – mitgesungen hätten. Die ältere Dame auf der gegenüberliegenden Bank begann dann, in dem von der Kleinen vorgegebenen Rhythmus mitzuklatschen und der vermeintliche Bruder tat es ihr nach.

Leider musste ich an der darauf folgenden Station den Zug verlassen. Meine Fahrt endete dort. Was blieb, war ein Lächeln auf meinem Gesicht und ein gutes Gefühl, gerade erlebt zu haben, dass wir Menschen doch noch in der Lage sind, auf einander einzugehen und uns wahrzunehmen. In der ach so schnelllebigen Zeit kurz innezuhalten und dem Gesang eines kleinen Mädchens in der S-Bahn zu lauschen und uns an deren Fröhlichkeit zu erfreuen. Eine Fröhlichkeit, die –ihrem äußeren Erscheinungsbild nach – nicht von Markengarderobe und dem damit einhergehenden Konsumüberfluss geprägt war. Sie schien so frei von all diesen Oberflächigkeiten und – in diesem Moment zumindest- glücklich.

Wenn Ihr das nächste Mal unterwegs seid, schaut von Eurem Buch oder Handys einfach mal hoch, nehmt die Musik aus dem Ohr… es lohnt sich.

 

Claudia Lekondra

 

Das Leben beginnt dort, wo die Angst endet

Das Leben beginnt dort, wo die Angst endet…

Im Zusammenhang mit den uns ständig erreichenden abschreckenden Nachrichten von Attentaten ist es doch genau das, worum es geht; dass wir es nicht zulassen dürfen, dass Ängste unser Leben beherrschen. Dass wir es nicht zulassen, dass diese Schreckensnachrichten uns die Freude am Leben nehmen. Dass wir nicht vergessen, wie schön die Welt eigentlich ist, auf der es uns vergönnt ist zu leben. Dass es neben all diesen schrecklichen Ereignissen doch auch so viel Gutes gibt und dass die anderen in der Minderzahl sind.

Dass wir nicht verlernen, allem erst einmal positiv zu begegnen, ohne dabei die Objektivität zu verlieren. Dass wir uns nicht einfangen lassen von denen, die diese Ereignisse nutzen, Vorurteile zu schüren und Untergangsszenarien aufzuzeigen.

Wir leben in einer freien Gesellschaft, die es uns ermöglicht, unser eigenes Urteil zu bilden und unseren Vorlieben zu folgen. Wir haben den Luxus, dass uns von Kindesbeinen an der Weg zur Schuldbildung geebnet wird, also sollten wir unsere Bildung auch nutzen und müssen diejenigen sein, die für diese Gesellschaftsform, in Freiheit zu leben, einstehen und sich jeden Tag aufs Neue vor Augen führen, dass genau diese Art und Weise, wie wir leben dürfen, für viele Menschen eben nicht Normalität ist .

Es werden täglich weltweit mehr gesunde als kranke Kinder geboren. Der medizinische Fortschritt ermöglicht es, dass die meisten kranken Menschen wieder gesund werden, dass die Lebenserwartung in unseren Breitengraden ansteigt. Dass dem Regentag ein Sonnentag folgen wird…

Egal ob und welcher Religion wir angehören, dürfen wir den Glauben an das Gute nicht verlieren und es uns von einer handvoll Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, uns, unsere Werte und Lebensweise als ihr Feind betrachten, nicht nehmen lassen, in Freiheit zu leben.

Ich will weder mein Lachen und meine Freude noch meine Freiheit verlieren, ich will sie nicht gewinnen lassen, die anderen. Um es mit den Worten des französischen Journalisten Antoine Leiris zu sagen, der seine Frau bei den Anschlägen in Paris letzten November verlor: Meinen Hass bekommt ihr nicht!

Und unsere Angst bekommen sie auch nicht, denn wir wollen leben: In Freiheit!

 

Claudia Lekondra

 

Die Freiheit unserer Gesellschaft und was der Fußball damit zu tun hat…

Eine Woche vor dem Finale der Europameisterschaft 2016 in Frankreich kann ich nicht anders und muss auch einmal über Fußball schreiben. Keine Sorge, ich werde an dieser Stelle nicht versuchen zu fachsimpeln, hierbei könnte ich eh nur gegen all die Hobbyfußballexperten verlieren. Zunächst muss ich mich outen: ich bin Fußballfan der deutschen Nationalmannschaft und das nicht erst seit 2006, sondern bereits seit meiner Teenagerzeit. Ich habe nicht einmal die Ausrede, das kam, was kommen musste, von wegen ich wurde seitens meines Elternhauses oder sonstigen Familienmitgliedern dahingehend geprägt, mich bei Fußballtunieren, ob nun Europa- oder Weltmeisterschaften, vor dem Fernseher einzufinden und mit dem deutschen Team mitzufiebern. Weder meine Eltern, noch ein anderes Familienmitglied konnten sich dafür begeistern, den Herren in kurzer Hose neunzig Minuten (oder auch länger) zuzuschauen. Also saß ich allein vor dem Fernseher. Damals gab es weder ein Public Viewing, zu dem ich hätte gehen können und es war damals auch nicht üblich, jedes Fußballspiel während einem Turnier zum Anlass zu nehmen, mit Freunden gemeinsam das Spiel zu schauen.

Einzige Ausnahme: Das WM Finale 1990; Deutschland gegen Argentinien.. Ich urlaubte damals in Griechenland und hatte die Ehre und das Vergnügen, neben deutschen und englischen Urlaubsgästen mit fußballbegeisterten Griechen (die waren natürlich für das deutsche Team) das Endspiel gemeinsam in der Hotelhalle am Strand auf Korfu zu verfolgen. Wie die Partie ausging, ist hinlänglich bekannt. So endete dieser Abend ouzolastig und sirtakitanzend und ich hatte mit den fröhlichen Griechen an meiner Seite fast das Gefühl, als habe Griechenland die WM gewonnen. Jahre später konnte ich mich dann für die griechische fußballbegeisternde Gastfreundschaft revanchieren und fieberte beim EM Endspiel 2004 gemeinsam mit den Griechen in einem griechischen Lokal in Berlin mit. Allerdings war der Abend nicht annähernd so ouzolastig, wie 1990 und Sirtaki wurde auch nicht getanzt.Das waren meine ersten Erlebnisse mit Public Viewing.

Ich begegnete dann tatsächlich Gleichgesinnten oder zumindest Leuten, die Freude am geselligen fröhlichen Beisammsein anlässlich eines Fußballspiels während eines EM oder WM Turniers fanden. Und spätestens seit 2006 sind diese Zusammenkünfte eine Selbstverständlichkeit. Ach, was ist es schön, innerhalb dieser Tunierzeiten regelmäßig auf die Freunde zu treffen. Gelingt es einem doch sonst kaum, in dieser Regelmäßigkeit mal so kurz zum Fernsehschauen sich zusammenzufinden. Es ist halt Ausnahmezustand!

Und all den Fußballgegnern, jenen, die sich genervt fühlen, die das alles für affig halten, die kopfschüttelnd die mit Deutschlandfarben bemalten Menschen und geschmückten Autos betrachten, die sich stundenlang darüber auslassen, dass man nicht verstehe, was man daran finde, dass 20 Männer hinter einem Ball her hetzen, die den Hype und die Begeisterung so gar nicht teilen, sei gesagt: die gute Nachricht ist: nächsten Sonntag ist alles wieder vorbei, die schlechte Nachricht: die nächste WM steht bereits in zwei Jahren an.

Egal ob man sich nun dafür begeistern kann oder nicht, sollten wir gerade im Hinblick auf die jüngsten Anschläge in Istanbul und in Dhaka zusammenhalten und während eines solchen Turniers die Möglichkeit nutzen, ein Zeichen über Landesgrenzen hinaus zu setzen, indem die einen es sich nicht nehmen lassen, mit Freude und Spaß den Jungens aus Europa dabei zuzusehen, wie sie mit Leidenschaft und Herzblut dem Ball hinterherlaufen und die anderen dieser Begeisterung statt mit einem Kopfschütteln vielleicht mit einem nachsichtigen Lächeln begegnen und wir so gemeinsam für die Freiheit in unserer Gesellschaft einstehen . Die Freiheit, selber zu entscheiden, ob und wie man mit so unwichtigen Dingen wie einem internationalen Fußballtunier umgeht: Ignorieren oder daran erfreuen…jeder entscheidet für sich und akzeptiert die Entscheidung des anderen, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

 

Claudia Lekondra

 

 

 

Und nichts die Stunde uns wiederbringen kann... ein Lebensgefühl vergangener Zeiten...

Ein Jahr Zeit hat die Überarbeitung meines Erstlingswerkes „Und nichts die Stunde uns wiederbringen kann“ gedauert und nun steht die Veröffentlichung kurz bevor. Jener Roman, der zwar im Jahr 2002 veröffentlicht wurde, aber dessen ersten Zeilen bereits Anfang der Neunziger zu Papier gebracht wurden.

Warum kommt man auf die Idee, einen Roman, der vor nunmehr vierzehn Jahren veröffentlicht wurde, zu überarbeiten und in einem neuen Gewand herauszubringen? Das fragt sich sicher der eine oder andere.

Wie so oft im Leben kann man eben nicht alles mit Logik erklären. Es war mir einfach ein Bedürfnis, es war ein Gefühl, dass ich es der Geschichte schuldig bin, sie noch einmal in Form zu bringen, nachdem die erste Printversion nicht dem entsprach, was ich mir vorstellte. Habe ich doch gerade diesen Roman, der als erstes veröffentlicht wurde, als mein Herzblut angesehen.

Beim Überarbeiten der Geschichte fühlte ich mich in diesem Empfinden mehr als bestätigt. Es war eine tolle Erfahrung, einer Geschichte, die man einst Anfang der Neunziger begann zu schreiben, wieder so nah zu sein.

Es ist die Geschichte der Jugend der 80er. Sie suchten nach der perfekten Welt, wie alle jungen Menschen jeder Generation es taten. Damals war die Welt noch getrennt in Ost und West. Um über die Grenzen der Länder miteinander in Kontakt zu bleiben, schrieb man sich Briefe, so ganz altmodisch auf Papier. Man steckte das Blatt Papier in einen Briefumschlag, klebte eine Briefmarke drauf und warf den Brief in einen Briefkasten. Dann wartete man Wochen auf eine Antwort. Telefonieren über die Ländergrenzen hinaus gehörte damals noch zum Luxus. Nicht wie heute, wo man den Internetzugang und die damit gebotenen Plattformen zum Telefonieren über die Landesgrenzen, ja sogar über Kontinente hinaus nutzt.

Eine Zeit ohne Facebook, Instagram, Twitter, Whatsapp und wie sie alle heißen. Heutzutage ist es ein leichtes, mit vielen Leuten – wenn es dann gewollt ist – in Kontakt zu bleiben. Damals war es schon eine Herausforderung, mit verschiedenen Leuten über die Landesgrenze in Verbindung zu bleiben. Diente zur Kommunikation meist eben nur der bereits schon erwähnte Briefaustausch und vielleicht mal ein Telefonat. Damals war man nicht ständig im Bilde darüber, wo die anderen gerade waren, was man gerade tat, welchen Trends man folgte. Keine fotografischen Selbstdarstellungen, keine Offenlegung der Privatsphäre. Für manche ist diese Welt des Social Networks ein Fluch, für andere ein Segen. Aber jeder kann für sich entscheiden, wie und ob man diese Plattformen nutzt.

Die Welt ist im einundzwanzigsten Jahrhundert anderen Bedrohungen ausgesetzt und die Jugend von heute wächst damit auf und lernt damit umzugehen, so wie wir damals mit der Trennung Europas in Ost und West aufwuchsen.

Beim Überarbeiten des Romans ist mir bewusst geworden, dass es sich bei dieser Geschichte ein Stück weit um ein Zeitdokument der 80er Jahre handelt, und dass Romane ein Lebensgefühl vergangener Zeiten zum Leben erwecken können.

Immer wieder bin ich von Lesern angesprochen worden, ob ich nicht einen Fortsetzungsroman schreiben würde. Als die Überarbeitung des Romans abgeschlossen war, habe ich lange darüber nachgedacht, ob die Geschichte weitergehen könnte. War doch für mich die Geschichte, so wie sie damals endete, erzählt.

Einen Fortsetzungsroman zu schreiben kam für mich nicht in Frage, aber irgendwie war es auch für mich nicht uninteressant, mir die beiden Hauptfiguren des Romans ,Pia und Felizitas, in der heutigen Welt vorzustellen…und so entstand ein weiteres Kapitel..coming out soon.

 

Claudia Lekondra

 

D A N K E!

Ich möchte diesen Monat die Gelegenheit nutzen, um einmal Danke zu sagen. Danke an die Leser und Leserinnen, die mir schreiben und mich teilhaben lassen an ihren Gedanken und Empfindungen, wenn sie meine Zeilen lesen. Das Autorendasein fühlt sich manchmal einsam an. Man sitzt allein am Schreibtisch vor dem Computer. Die Gedanken und Gefühle formen sich zu Worten und Geschichten und das Schreiben erfüllt einen, aber der Austausch über das, was in einem vorgeht, findet in diesen Momenten nicht statt. Man ist für sich mit dem, was man sagen und zum Ausdruck bringen möchte, mit dem, was einen bewegt. Und dann erreichen mich Eure Nachrichten und es fühlt sich für mich so gut an, auf diesem Weg zu erfahren, dass Ihr irgendwo da draußen seid. Deshalb möchte ich an dieser Stelle Eure Feedbacks zu meinen monatlichen Blogs mit den anderen Lesern teilen. Wenn Ihr schreibt, dass Euch der Blog über die eigene Umgehensweise mit dem Leben anregt, dass ich Euch, mit dem was ich schreibe total aus dem Herzen spreche, wenn Ihr Euch bedankt für meine Worte und mich wissen lasst, dass sie so wahr sind, dass die Geschichte über den Obdachlosen und der Tasse Kaffee Euch berührt. Wenn Ihr schreibt, dass ich so weiter machen soll, weil meine Worte die Welt für diesen Moment ein klitzekleines bisschen besser machen, berührt Ihr mich und das ist Motivation pur! DANKE!

 

Claudia Lekondra

 

 P.S.: Für die, die anfragten, was mein Buchprojekt macht: Es ist inhaltlich vollendet. Hierzu mehr im nächsten Blog.

 

Today is life, tomorrow never comes…

 

 

Today is life, tomorrow never comes…

 

dieser Satz prangt auf einer Mauer direkt am Meeresufer von Matala, dem einstigen Hippiedorf der sechziger und siebziger Jahre im Süden der griechischen Insel Kreta. Geschrieben wurde dieser Satz vor Jahrzehnten von einem griechischen Fischer. Der Fischer ist längst verstorben, er ist nicht besonders alt geworden, aber sein Satz ist geblieben.

Das Leben ist heute, ein Morgen wird es nicht geben! Immer mal wieder erreichen einen Nachrichten über den Tod eines Menschen, der viel zu früh aus seinem Leben gerissen wurde. Die Nachricht über den Tod eines Menschen, ob man ihn nun privat kannte oder er eine Person des öffentlichen Lebens war, erschüttert, auch wenn der Mensch im gesegneten Alter aus dem Leben scheidet, aber immer wenn es um Menschen geht, die aus dem Leben scheiden und eben kein gesegnetes Alter erreichen durften, stimmt es einen besonders nachdenklich.

So letzte Woche zum Beispiel die Nachricht über den plötzlichen und unerwarteten Tod von Roger Cicero. 45 Jahre, ein Alter bei dem noch keiner ans Sterben denkt, ein Alter, wo man glaubt mitten im Leben zu stehen. Dieses Gefühl, dem man sich nicht entziehen kann, dass diese Menschen um etwas betrogen wurden. Um einen Teil ihres Lebens.

Auch ich musste mich in meinem Leben von Menschen verabschieden, die viel zu früh aus dem Leben gingen und wenn einen eine solche Nachricht erreicht, ist man ihnen wieder ganz nah.

Man fragt nach dem „Warum“ und wird nie eine Antwort erhalten. Was für einen selber bleibt, ist das Bewusstsein, dass das Leben nicht unendlich ist und dass man Dinge, die einem wichtig sind, nicht aufschieben, sondern umsetzen, leben, fühlen und auch begreifen sollte. Das Leben ist zu kostbar, um es mit Dingen zu füllen, die einem nichts bedeuten. Man hält inne und nimmt sich vor, bewusster zu leben, mehr Zeit mit den Menschen und Dingen zu verbringen, die einem wirklich wichtig sind im Leben.

Aber man weiß auch, dass der Alltag diese Gedanken und diese guten Vorsätze oft wieder in den Hintergrund drängt. Dabei sind wir es den Menschen, die viel zu früh gehen mussten, schuldig. Wir sind es ihnen schuldig, inne zu halten und ein Stück weit ihr Leben mit zu leben.

 

Als ich letztes Jahr am Strand von Matala lag, hatte ich jeden Tag den Satz des griechischen Fischers vor Augen: Today is life, tomorrow never comes! Und jeden Tag kam diese Botschaft aufs Neue bei mir an und als ich abreiste, da hatte sie sich in die Tiefe meines Bewusstseins verankert.

 

Claudia Lekondra

 

Der Tag, an dem eine Kaffeetasse und ein Stuhl so viel mehr waren...

An einem ungemütlichen kalten Märztag stand ich in Berlin fröstelnd an der Haltestelle. Auf  der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich eine Videothek und ich betrachtete interessiert die Schaufenster. Während diese sonst schmucklos gestaltet waren und einem lediglich einen Einblick in die Räume der Videothek gewährten, waren sie an diesem Tag mit mehreren Fernsehern ausgestattet, auf denen alle der gleiche Film gezeigt wurde. Gedankenversunken verfolgte ich die Filmszenen, als ich einen Mann bemerkte, der vor der Videothek stehen blieb und die wechselnden Bilder auf den Bildschirmen betrachtete. Ich stand auf der anderen Straßenseite etwas seitlich versetzt, so dass ich das Profil des Mannes von meiner Position aus sehen konnte. Bei dem Mann handelte es sich um einen der Obdachlosen unserer Stadt, den ich vom Sehen kannte.

Und während ich dort so stand und die Szene auf mich wirken ließ, wie der obdachlose Mann, bekleidet mit Jeans und Anorak, seine Habseligkeiten neben sich in einem Einkaufswagen platziert, mit diesem Lächeln im Gesicht und offensichtlicher Freude die für ihn tonlosen Bilder im Schaufenster verfolgte, trat ein junger Mann aus der Videothek. Er war nur mit einem Pulli bekleidet und sprach den Mann vor dem Schaufenster an.

Dieser schaute irritiert und schüttelte dann den Kopf. Daraufhin verschwand der junge Mann wieder in der Videothek, um kurze Zeit später wieder mit einem Stuhl in der einen und einer Kaffeetasse in der anderen Hand herauszutreten. Er stellte den Stuhl vor das Schaufenster und reichte ihm den Kaffee.

Zögerlich griff er nach der Tasse. Der junge Mann verschwand wieder in der Videothek und ließ ihn vor dem Schaufenster mit der Kaffeetasse in der Hand, dem Stuhl neben sich und seinen Habseligkeiten im Einkaufswagen zurück.

Während er das Geschehen auf den Bildschirmen weiter verfolgte, wärmte er seine Hände an der Tasse und nippte an dem Kaffee.

Nach einer Weile setzte er sich auf den Stuhl und es schien, als hatte er seine Umgebung, die Straße, den Bürgersteig, die ungemütlichen Temperaturen, ja selbst die Tatsache, dass ein Schaufenster ihn vom Geschehen auf den Bildschirmen trennte, vergessen. Er wirkte versunken in die tonlosen bunten Bilder und ich stand auf der gegenüberliegenden Seite und fühlte mich von dieser Szene berührt.

Längst war mein Bus an mir vorbei gefahren und ich stand immer noch dort und schaute zu dem Mann hinüber. Der Obdachlose, der aus unserer gesellschaftlichen Mitte längst ausgegrenzt war, berührte mich in diesem Moment auf eine Art und Weise, dir mir noch nach all den Jahren so gegenwärtig ist.

Er wirkte in diesem Moment zufrieden und glücklich. Dort auf diesem Stuhl, mit der Kaffeetasse in der Hand wirkte er in diesem Augenblick glücklicher, als die Menschen, die an ihm vorbei hasteten. Menschen, die ein Dach über den Kopf hatten, dass sie ihr zu Hause nennen durften, die in ihrer Position in unserer gesellschaftlichen Mitte akzeptiert waren, die aber vielleicht verlernt hatten, sich an den Kleinigkeiten, den scheinbar unwichtigen Dingen in unserem Leben, zu erfreuen. Die so viel forderten, so viele benötigten, um das Gefühl des Glücklich seins zuzulassen.

Und er saß dort, auf der anderen Straßenseite und ließ den Augenblick zu und der junge Mann, der ihm den Stuhl hinstellte und die Kaffeetasse überreichte, führte mir vor Augen, dass da Menschen unter uns waren, die Wärme und Geborgenheit an einem ungemütlichen Märztag auf dem Bürgersteig mitten in Berlin ermöglichten und das einem Fremden, ja sogar einem Obdachlosen gegenüber.

Wenig kann manchmal so viel sein, Mensch sein oftmals so einfach.

Seit jenem Tag sind mehr als zehn Jahre vergangen.

Die Videothek existiert noch heute und jedes Mal, wenn ich an dem Laden vorüber gehe, denke ich an den Obdachlosen und den jungen Mann und daran, wie an jenem ungemütlichen Tag im März eine Kaffeetasse und ein Stuhl die Welt ein Stück in die richtige Richtung bewegten.

 

Claudia Lekondra

Auf dem Weg zur Selbstreflexion

Wir befinden uns im Informationszeitalter. Unser Wissen und unsere Kenntnisse nehmen ständig zu. Im Internet, in Fernsehsendungen, in der Presse und über Fachbücher suchen wir nach Fakten über den Menschen als Gegenstand. Dort erfahren wir beispielsweise eine Menge über unseren Körper, Arzneimittel, Nahrungsmittel, sportliche Übungen etc.

Über das, was uns persönlich ausmacht, erfahren wir nichts.

Um uns selbst wahrzunehmen, müssen wir unsere Veranlagungen, unsere Erfahrungen und unser Verhalten anderen Menschen gegenüber reflektieren. Wir müssen die Reaktion der Umwelt auf unser Verhalten verstehen. Nur über die Selbstreflexion ist es uns möglich, uns selbst zu erkennen.

Wir müssen uns bewusst machen, was uns wichtig ist, was uns glücklich macht und lernen, aus der Fülle der Möglichkeiten das auszuwählen, was uns gut tut. Wir müssen lernen zu erkennen, wenn sich unsere Vorstellungen und Bedürfnisse ändern. Gerade in unserem schnelllebigen hektischen Alltag besteht die Gefahr, dass man die Veränderung der Bedürfnisse nicht wahrnimmt, weil keine Zeit zum Innehalten bleibt. Diese Zeit, diese Momente des Innehaltens muss man sich ganz bewusst schaffen.

Manchmal erwischt man sich dabei, dass einen mitunter alltägliche Entscheidungen, beispielsweise die Auswahl des Brotes (Dreikornbrot, Vierkornbrot, Fünfkornbrot, Dinkelbrot, Gerstenbrot, Haferbrot, Hirsebrot, Maisbrot, Buchweizenbrot, eiweißarmes Brot, glutenfreies Brot etc.) zeitweilig überfordern.

Wir lernen, fremdbestimmt zu reagieren. In der Schule bestimmt der Lehrer, zu Hause die Eltern und bei der Arbeit der Chef. Heutzutage bestimmt auch der überfüllte Terminkalender über uns, da er uns dazu verleitet zusätzliche Termine aufzunehmen, wo Platz ist, und nicht da, wo man eigentlich möchte.

Erst wenn man weiß, wer man ist und was man braucht, um glücklich zu sein, kann man sich ein Leben schaffen, dass zu einem passt und einen erfüllt. Wenn man erkennt, dass man selber für den eigenen Misserfolg verantwortlich ist und nicht die anderen, wenn man akzeptiert, dass Negatives ebenso zum Leben gehört wie Positives.

Die Selbstreflexion ermöglicht es uns, unser Bewusstsein auf positive Dinge zu lenken, denn wir Menschen sind in der Lage unsere Aufmerksamkeit zu steuern. Doch wenn man nicht weiß, worauf man seine Aufmerksamkeit lenken möchte, dann landet irgendwas in unserer Wahrnehmung und vermutlich sind das nicht unbedingt Dinge, die glücklich machen.

 

Seitdem ich regelmäßig über meinen Tag reflektiere und dabei feststelle, was mir guttut und was nicht, hole ich mir mehr von den guten Dingen in meinen Alltag. Und was diese Dinge sind, verrate ich hier vielleicht ein anderes Mal.

 

Claudia Lekondra

 

 

Wir haben nur drei Sekunden für die Gegenwart…

Zum Jahreswechsel hört man ständig Sätze wie: Mein Gott ist das Jahr wieder schnell vergangen. Wo ist nur die Zeit geblieben? War nicht eben erst Januar 2015, haben wir nicht gerade erst Weihnachten gefeiert …

Aussagen, die die meisten zunächst sofort bestätigen würden. Aber wenn man sich die Zeit nimmt und in Ruhe einmal das Jahr 2015 passieren lässt, es einfach mal Monat für Monat gedanklich durchgeht, wird man feststellen, wo die Zeit geblieben ist und dass Januar 2015 nicht eben erst war.

Da waren Reisen in andere Länder, neue Eindrücke, die man gewonnen hat. Schöne Momente mit Freunden, interessante Gespräche, persönliche Erfolge (oder leider auch Misserfolge). Geburtstage, Partys, Hochzeiten, Trauer, Fassungslosigkeit, Wut, Freude, Spaß, Liebe. Und dann waren da noch die Begegnungen mit Menschen, die unser Leben bereicherten, manchmal unseren Blickwinkel veränderten. Als aus Fremden Bekannte wurden und aus Bekannten Freunde…

Dennoch bleibt es bei dem Empfinden, dass das Jahr schnell vergangen ist und man sich fragt, wo die Zeit geblieben ist.

Sicher liegt diese Wahrnehmung daran, dass wir von der Zeit nur Notiz nehmen, wenn sie vorbei ist. Vielleicht sollten wir uns zum Anfang eines neuen Jahres vornehmen, sorgsamer mit unserer Zeit umzugehen. Die äußere Zeit ist gebunden an den Lauf der Erde um die Sonne; ein Tag besteht aus vierundzwanzig Stunden, fertig.

Unsere innere Zeit jedoch ist eng gebunden an unsere Wahrnehmung der Gegenwart und diese sitzt zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Kaum ist die Gegenwart in unser Bewusstsein getreten, ist sie schon wieder Erinnerung. Man hat herausgefunden, dass die Gegenwart etwa drei Sekunden lang dauert. Drei Sekunden haben wir für das „Jetzt“, in der vierten Sekunde ist es bereits Vergangenheit.

Ob das Jahr 2015 nun schnell oder weniger schnell vergangen ist, unterliegt der persönlichen Wahrnehmung eines jeden. Wichtig ist, dass wir versuchen, die Zeit sinnvoll zu nutzen, denn wir haben nur drei Sekunden für die Gegenwart. In diesem Sinne: Happy 2016!

 

Claudia Lekondra